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Zwei Personen schauen auf einen Laptop, auf dem eine Online-Umfrage zu sehen ist.
Studie im Gesundheitswesen: Erkennt Künstliche Intelligenz Wundmazeration besser als medizinisches Fachpersonal? Bildquelle: Hochschule Osnabrück

KI zur Diagnostik & Ursachenforschung chronischer Wunden

Die Forschenden des Zukunftslabors Gesundheit untersuchten, ob Künstliche Intelligenz (KI) Wundmazeration bei chronischen Wunden besser erkennt als medizinisches Personal. Zudem planen die Forschenden, Routinedaten KI-basiert auszuwerten, um die Ursachen seltener chronischer Wunden zu analysieren.

Chronische Wunden verursachen dauerhafte Schmerzen und schränken Patient*innen in ihrer Mobilität ein. Die Wunden verheilen nur sehr langsam oder gar nicht. In Deutschland sind schätzungsweise 800.000 bis vier Millionen Menschen davon betroffen. Eine Komplikation bei chronischen Wunden ist das Aufweichen der Haut im Wundbereich (sog. Wundmazeration), wodurch die Heilung zusätzlich gehemmt wird. Die Wundmazeration kann auch dazu beitragen, dass akute Wunden chronisch werden. Ein wesentlicher Faktor einer bestmöglichen Behandlung ist die Zeit: Je schneller Wundmazeration erkannt wird, desto eher kann die Wunde adäquat versorgt werden. Oftmals ist Wundmazeration aber schwer zu erkennen, weil sie schleichend entsteht, aufgrund von Verbänden erst spät sichtbar wird und leicht mit anderen Hautveränderungen zu verwechseln ist. Daher prüften die Forschenden des Zukunftslabors Gesundheit, ob Künstliche Intelligenz Wundmazeration schneller erkennt als medizinisches Personal.

Als Datenbasis nutzten die Forschenden 30 Bilder, die von Wundexpert*innen des Initiative Chronische Wunden e. V. vorher geprüft wurden. 15 Bilder zeigten eindeutig mazerierte Wunden, die übrigen 15 Bilder zeigten eindeutig keine Wundmazeration. Die Forschenden ließen alle Bilder von einem Convolutional Neural Network (CNN) analysieren, das sie in einer vorangegangenen Studie zur Erkennung von Wundmazeration trainiert hatten. CNNs sind ein Teilbereich der Künstlichen Intelligenz und besonders gut dafür geeignet, Bilder auszuwerten. Im medizinischen Bereich werden sie z. B. verwendet, um Tumore in Bilddaten zu erkennen oder um Hautveränderungen zu klassifizieren. Das verwendete CNN erkannte 90 % der Bilder richtig. Zum Vergleich legten die Forschenden dieselben Bilder medizinischem Personal zur Beurteilung vor. Insgesamt nahmen 481 Pflegekräfte und Ärzt*innen aus deutschen Krankenhäusern an der Studie teil. Das Ergebnis: Die Teilnehmer*innen erkannten im Durchschnitt nur 79,3 % der Bilder richtig.

Die Forschenden interessierten sich auch dafür, welche Faktoren die richtige Erkennung der Wundmazeration beeinflussen. In vielen Studien wird davon ausgegangen, dass hierbei die Berufserfahrung des medizinischen Personals maßgeblich ist. Diese Annahme konnten die Forschenden widerlegen. Sie werteten die Ergebnisse ihrer Studie nach verschiedenen Faktoren aus: nach Berufsgruppe (Ärzt*innen/Pflegekräfte), Alter (jung/alt), Geschlecht (männlich/weiblich), medizinischer Einrichtung (ambulant/stationär), Arbeitserfahrung (über/unter fünf Jahre) und Qualifikation (spezielle Weiterbildung ja/nein). Zudem sollten die Teilnehmer*innen auf einer Fünf-Punkte-Skala bewerten, wie sicher sie sich mit ihrer Einschätzung sind. Die Auswertungen zeigen, dass Pflegekräfte mit einschlägiger Fachweiterbildung zur Wundqualifikation sowie Fachärzt*innen aus dem Bereich Dermatologie die besten Ergebnisse erzielten. Diese Personengruppe hatte auch bei der Selbsteinschätzung eine hohe Sicherheit angegeben. Die Genauigkeit lag bei 85 %.

Unsere Studie zeigt, dass die Expertise auf fachlicher Qualifikation basiert und nicht auf Berufserfahrung, wie oft angenommen wird. Außerdem wurde deutlich, dass das KI-Modell die Wundmazeration mit einer Treffsicherheit von 90 % besser erkennt als das medizinische Personal. Demnach könnten Pflegekräfte und Ärzt*innen ohne Fachweiterbildung auf die KI zurückgreifen, um Wundmazeration besser zu erkennen. Dabei muss aber auch die Kehrseite betrachtet werden: Das KI-Modell trifft immer noch 10 % falsche Aussagen. Wenn sich unerfahrenes Personal auf die KI verlässt und die Fehldiagnose als richtig anerkennt, werden die Patient*innen nicht richtig versorgt.
Bild von Florian Kücking
Florian Kücking
Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Mit KI die Ursache seltener chronischer Wunden erforschen

Chronische Wunden entstehen häufig aufgrund von Venenleiden, Durchblutungsstörungen oder Diabetes. Es gibt aber auch seltene Formen, deren Ursachen nicht bekannt sind. Dadurch, dass die medizinischen Daten dieser Betroffenen auf mehrere Krankenhäuser verteilt sind, fehlt eine gemeinsame Datengrundlage, um die Ursachen zu erforschen. Die Auswertung medizinischer Routinedaten könnte neue Erkenntnisse zu den Ursachen hervorbringen. Routinedaten sind u. a. demografische Informationen über die Patient*innen (Alter, Geschlecht, medizinische Anamnese), Laborwerte (z. B. Entzündungswerte), mikrobiologische Befunde (z. B. Wundabstriche), Informationen über Medikamente und durchgeführte Behandlungen. 

Der Zugang zu medizinischen Daten für Forschungszwecke ist in Deutschland streng reglementiert. Forschungsteams außerhalb von Kliniken müssen daher Anträge zur Nutzung dieser Daten stellen, die von Ethikkommissionen und Use & Access Committees geprüft werden. Die Forschenden des Zukunftslabors Gesundheit stellten solche Anträge über das „Deutsche Forschungsdatenportal Gesundheit“ (FDGP). Dieses Datenportal enthält Routinedaten, die datenschutzgerecht für die medizinische Forschung verwendet werden können. Das FDGP ist Teil der Medizininformatik-Initiative (MII), an der alle Universitätskliniken Deutschlands sowie Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Krankenkassen und Patientenvertreter*innen beteiligt sind. Ziel der MII ist es, Daten aus der Gesundheitsversorgung und Medizinforschung besser nutzbar zu machen. Jedem Universitätsklinikum ist ein Datenintegrationszentrum angegliedert, das Patient*innendaten vorhält. Über das Forschungsdatenportal können diese Daten angefragt und ausgewertet werden.

Die Forschenden des Zukunftslabors Gesundheit beabsichtigen, über das FDGP Routinedaten von Patient*innen mit seltenen chronischen Wunden zu analysieren. Dafür wollen sie Föderiertes Lernen (FL) einsetzen – eine Form des Maschinellen Lernens. Die Besonderheit beim Föderierten Lernen besteht darin, dass die Modelle nicht zentral mit einem Datensatz trainiert werden. Stattdessen liegen die Datensätze getrennt voneinander in verschiedenen Datenspeichern vor, sodass die FL-Modelle nicht als Gesamtheit, sondern getrennt trainiert werden. Für das  Zukunftslabor Gesundheit bedeutet dies Folgendes: Das Analyseskript wird über das Forschungsdatenportal an die Datenintegrationszentren der Universitätskliniken verschickt. Die Daten werden dort dezentral analysiert. Anschließend werden die Ergebnisse der Analysen zusammengeführt, um eine aggregierte Auswertung zu erhalten.

Wir erhoffen uns durch die FL-basierte Datenauswertung neue Erkenntnisse zu den Ursachen seltener chronischer Wunden. Gleichzeitig ermöglicht der Ansatz, sensible Gesundheitsdaten sicher auszuwerten, ohne sie zentral zu speichern. So können wir wertvolle Informationen gewinnen und zugleich den Datenschutz der Kliniken wahren.
Bild von Florian Kücking
Florian Kücking
Hochschule Osnabrück, Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Ansprechpartnerin für redaktionelle Rückfragen:
Kira Konrad B. A. 
Marketing & Kommunikation
Zentrum für digitale Innovationen Niedersachsen (ZDIN)
Niedersachsen.next GmbH
Schiffgraben 22-28
30175 Hannover 
E-Mail: kira.konrad@zdin.de
www.zdin.de

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